An einem warmen Sommertag im Ourtal liegen die Wiesen ruhig entlang des Flusses, durchzogen von Kräutern. Sanft geht das Grün in das klare Wasser der Our über. Eine Kuh steht am Ufer, noch auf deutscher Seite, während ihre Vorderhufe bereits vom kühlen Nass umspült werden. Sie macht ein paar Schritte nach vorn, senkt den Kopf und trinkt – mitten in einem Fluss, der zwei Staaten gehört.
Denn die Our ist auf weiten Strecken ein Grenzfluss, dem man seine besondere Rolle kaum anmerkt. Er zieht keine sichtbare Linie, die trennt. Im Gegenteil: Zwischen dem Dreiländereck bei Ouren und ihrer Mündung verbindet die rheinland-pfälzische Eifel mit Luxemburg – mit wohltuender Selbstverständlichkeit.
Was hier so natürlich wirkt, hat eine besondere rechtliche und kulturelle Grundlage. Ein Zauberwort namens Kondominium beschreibt, was die Menschen in der Region längst leben: Deutschland und Luxemburg üben über ihren gemeinsamen Grenzabschnitt des Flusses gemeinschaftlich Hoheit aus. Aus einer ungewöhnlichen Rechtsform ist so auch ein Sinnbild europäischer Nachbarschaft geworden.

Unterwegs auf der Nat´our Route 1 am Dreiländereck

Europa Monument am Dreiländereck Ouren
Wo die Grenze nicht durch die Mitte verläuft
Das Kondominium folgt einer europäischen Rechtsform mit mehr als 200 Jahren Geschichte
Keine durstige Kuh und kein quirliger Fisch muss sich entscheiden, ob das tierische Vergnügen im Großherzogtum Luxemburg oder in der Bundesrepublik Deutschland stattfindet. Anders als bei vielen Grenzflüssen verläuft die Staatsgrenze hier nicht als gedachte Linie in der Flussmitte. Vielmehr stehen die vertraglich bestimmten Wasserflächen von Our und Sauer unter gemeinsamer Hoheit Deutschlands und Luxemburgs – eine außergewöhnliche Rechtsform, deren historische Grundlage auf die Neuordnung nach dem Wiener Kongress und insbesondere den Aachener Grenzvertrag von 1816 zurückgeht. Der deutsch-luxemburgische Grenzvertrag von 1984 bestätigte und präzisierte diese Regelung.
Nicht nur Tiere und Wasserpflanzen erfreuen sich an und in der Our einer Heimat, die ganz unbeschwert gleich mehreren „Herren“ dient. Auch die Menschen auf beiden Ufern haben viel aus einer turbulenten und oft unfriedlichen Vergangenheit gelernt, um daraus eine gute Zukunft zu machen. Vielleicht ist diese Eifeler Lektion in einer zunehmend von Krisen geplagten Welt sogar vorbildlich. Denn hier zeigt sich wie aus einer konfliktreichen Vergangenheit eine belastbare europäische Nachbarschaft entstehen kann. Und im Alltag zeigt sich, dass Zusammenarbeit nicht nur ein politisches Ideal ist, sondern Lebensqualität schaffen kann. Für viele Menschen erweitert die offene Grenze die Möglichkeiten beim Wohnen und Arbeiten ebenso wie beim Einkaufen und in der Freizeit. Die Unterschiede werden pragmatisch genutzt, die Gemeinsamkeiten gepflegt.

Burg Vianden

Dreiländereck Ouren
Nachbarschaft aus Erfahrung
Wie aus einer konfliktreichen Vergangenheit gelebter europäischer Alltag wurde
An der Our wechseln Wege selbstverständlich die Ufer, Orte teilen Geschichte und Kultur. Europa ist in dieser Landschaft keine Theorie oder bloße Idee, sondern gelebter Alltag und zugleich ein Bekenntnis zur Naturliebe.
Spürbar wird dies zum Beispiel auf der Nat’Our Route 2 die durch das Naturschutzgebiet Mittleres Ourtal führt. Wegbegleiter auf der rund 18 Kilometer langen Rundwanderung sind ehemalige Bann- und Lohmühlen. Der Themenweg erzählt vom Wasser als Energielieferant und vom Wandel einer Kulturlandschaft, die untrennbar mit dem Fluss verbunden ist.
Der Blick geht auch nach vorn. Im Rahmen des grenzübergreifenden Nat´Our-Projekts wurden unter anderem Wehre zurückgebaut, Fischtreppen angelegt und Uferbereiche von standortfremden Fichten befreit. So entstanden wieder durchgängige und naturnahe Lebensräume entlang des Flusses. Und der Blick öffnet sich auf der Höhe der Kasselslay über die gewundenen, waldreichen Ufer der Our.

Blick über das bewaldete Ourtal und die Burgruine Falkenstein
Genuss mit Herkunft
Auf dem Hofgut Sachsen-Wagner treffen biologische Landwirtschaft und regionales Handwerk aufeinander
Auch kulinarisch lässt sich die Landschaft entdecken – dort, wo Landwirtschaft, Handwerk und regionale Küche zusammenkommen. Ein Beispiel dafür ist das Hofgut Sachsen-Wagner mit Hofladen in Geichlingen, Restaurant in Körperich und Kochkursen im GenussWerk am Gaybach.
Das biologisch bewirtschaftete Hofgut setzt auf eigene und regionale Erzeugnisse, handwerkliche Verarbeitung und nachvollziehbare Herkunft. Es gehört zu den Produzenten der Regionalmarke EIFEL. Wem die Hausherrin Uschi Wagner bekannt vorkommt: Sie nahm an der SWR-Sendung „Lecker aufs Land“ teil. In der Sendung besuchen sich kochbegeisterte Landfrauen gegenseitig auf ihren Höfen und stellen Menüs aus regionalen Zutaten vor.
Große Kunst im kleinen Haus
Sehr klein und sehr fein ist ein ganz besonderes Museum: die wArtehalle in Welchenhausen. Das einst zutiefst bäuerlich geprägte Dorf auf deutscher Seite der Our hatte 2002 die kreative Idee, aus einem gemauerten, kaum noch genutzten Bushäuschen ein kleines, offenes Museum vor allem für Kunstschaffende aus Deutschland, Luxemburg und Belgien zu machen.
Aus der Idee eines Dorfbewohners wurde eine gemeinschaftliche Kulturinitiative. Seit 2002 zeigt die rund um die Uhr zugängliche wArtehalle wechselnde Ausstellungen und steht zugleich für den kulturellen Austausch am Dreiländereck. Sie ist eingebettet in die fast drei Kilometer lange KultOurtal-Straße mit zahlreichen Kunstwerken und Kulturdenkmälern.
Die Our trennt zwei Länder – und zeigt zugleich, wieviel entstehen kann, wenn eine Grenze gemeinsam gedacht wird.

Hofgut Sachen-Wagner in Körperich

Die wArtehalle in Welchenhausen
Die Our in Kürze
Quelle, Verlauf und Landschaft eines außergewöhnlichen Grenzflusses
Der Ursprung des Flussnamens ist nicht eindeutig geklärt. Einer regional verbreiteten Deutung soll er auf eine keltische Gestalt namens Ura zurückgehen. Der rund 96 Kilometer lange Fluss entspringt auf belgischem Gebiet im deutsch-belgischen Grenzraum bei Losheimergraben. Seine Quelle liegt im belgischen Teil des Naturparks Hohes Venn – Eifel. Die Our fließt zunächst durch beziehungsweise entlang Belgiens, bildet abschnittsweise die deutsch-belgische und anschließend die deutsch-luxemburgische Grenze und mündet im Deutsch-Luxemburgischen Naturpark bei Wallendorf in die Sauer.
Die Landschaft an ihren Ufern gehört zum grenzübergreifenden Islek bzw. Éislek. Charakteristisch ist das tief in die Hochflächen eingeschnittene, von bewaldeten Hängen geprägte Ourtal. Die schmalen Auen sind ein wertvolles Refugium für seltene Tieren und Pflanzen.



