Interview

"Was Wildnis für die Eifel bedeutet"

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Dr. Andreas Schüller

Diplom Geograph
Geschäftsführer des Naturparks Vulkaneifel und des UNESCO Global Geoparks Vulkaneifel

Der Naturpark und UNESCO Global Geopark Vulkaneifel ist eine unverwechselbare Landschaft. Hier wird besonders deutlich, wie Biodiversität und Geodiversität zusammenhängen: Die jeweilige Beschaffenheit des Bodens bestimmt, was wild wächst und was nicht. Der Park ist zugleich ZENAPA-Gebiet, eine „Zero Emission Nature Protected Area“. Damit verbunden sind verpflichtende Maßnahmen in Sachen Klimaschutz, Umweltbildung und Artenvielfalt. Der Mensch hat die Wildnis überall verdrängt, hier jedoch hilft er mit, dass sie neu entstehen kann. Wie das geht, erläutert Dr. Andreas Schüller, Leiter des Geoparks.

ET: Die UNESCO-Auszeichnung für den Global Geopark Vulkaneifel hebt die Landschaft auf eine Stufe mit Naturwundern wie etwa die Serengeti, die in den Köpfen ein Bild von unberührter Wildnis entstehen lassen. Wie ist die Eifel da einzuordnen?

Schüller: Es gibt in Deutschland wie in fast ganz Europa keine ursprüngliche Wildnis mehr. Wir haben es immer mit einer Kulturlandschaft zu tun, auch in Gebieten, die auf uns heute sehr urwüchsig wirken. Es ist die Folge von Jahrtausenden mehr oder weniger intensiver Bewirtschaftung durch den Menschen. Beispielsweise die faszinierenden Heidelandschaften der Vulkaneifel entstanden durch Weidehaltung mit Schafen, welche nur die Wacholderbüsche stehen ließen. Heute wirkt diese menschengemachte Landschaftsform wild. Wir bringen sie nicht mit menschlichen Eingriffen in Verbindung und erleben sie als Natur pur. In der Tat zählt sie zu den artenreichsten Gegenden. Aber Wildnis ist nicht automatisch gleichzusetzen mit Artenvielfalt und Biodiversität. Es ist ein Missverständnis, die Verhältnisse so zu interpretieren.

ET: Wie sähe denn echte Wildnis in der Eifel überhaupt aus?

Schüller: Wir hätten flächendeckend Buchen- und Eichenwälder, die auf den vulkanischen oder devonischen Böden wachsen. In ihnen kann sich nur eine beschränkte Anzahl weiterer Pflanzen halten, weil die Baumkronen das Licht nicht bis zum Boden durchlassen. In der Folge ist auch die Tierwelt – insbesondere Insekten und Vögel – weniger facettenreich als auf sonnigen, offenen oder zumindest gelichteten Standorten. Aber nicht zufällig ist die nördliche Vulkaneifel einer von deutschlandweit nur dreißig offiziellen „Hotspots der Biodiversität“. Denn die basiert auf der Geodiversität, also der Vielfalt unterschiedlicher Ausgangsgesteine und daraus entstandener Böden. In den geschützten Schluchten und trockenen Kalkmulden sowie auf den vulkanischen Flächen gedeiht eine ungewöhnliche Fülle verschiedener Pflanzengesellschaften, die ihrerseits die Grundlage sind für ganz viele Tierarten. Im südlichen Teil der Vulkaneifel gibt es eine so genannte „LaHiKuLa“, eine „landesweit bedeutsame historische Kulturlandschaft“. Da werden etwa die Maarkessel durch bewusste Beweidung weiter offengehalten als Lebensraum für seltene Tiere und Pflanzen. Echte Wildnis sind diese Landschaftsformen alle nicht, aber wir tun etwas, damit Wildnis entsteht.

ET: Der Mensch macht Wildnis? Wie geht das?

Schüller: Zum einen entsteht – wie wir am Beispiel der Heide sehen – eine neue Wildnis, indem natürlichen Prozessen Zeit und Ruhe gelassen wird. Aus Weiden werden so auf Dauer vielfältige Wildkräuterstandorte. Auch die berühmten Narzissenwiesen in der Nordeifel sind keine ursprüngliche Wildnis, sondern Kulturfolgen. Und doch wirken sie auf uns Menschen „natürlich“ und wild.
Was wir als Wildnis wahrnehmen, ist also oft weniger eine Frage der Entstehung als unserer eigenen Sichtweise. Und genau hier setzt ZENAPA an. Denn ZENAPA umfasst im Kern Umweltbildung und die Sensibilisierung für den Arten- und Umweltschutz. Die rund 650 Exkursionen, die wir pro Jahr im UNESCO Global Geopark Vulkaneifel anbieten, gehören dazu. Andere konkrete Maßnahmen helfen wilden Tieren und Pflanzen in unserer Umwelt wieder „auf die Sprünge“. 

ET: Können Sie Beispiele nennen?

Schüller: Ja, da geht es etwa um den Anbau von Energiepflanzen, um weniger fossile Quellen zu benötigen. Und anstelle von Maismonokulturen wird Silphie angepflanzt. Man muss nur ein Mal säen und kann zehn Jahre lang ernten. Die Pflanze ist bodendeckend und tiefwurzelnd, also ein guter Schutz vor Erosion. Da sie den ganzen Sommer über blüht, bietet sie viel Nahrung für eine Fülle von Insekten und die wiederum für Vögel. So profitiert auch die „Wildnis“. Oder die neuartige Dämmung öffentlicher Gebäude in der Vulkaneifel: Sie ist so konzipiert, dass sie im Außenbereich Nistmöglichkeiten für Vögel bietet. Da geht es selbstverständlich nicht um die „Herstellung“ von Wildnis, aber indem wir naturschützende technische Lösungen haben, verbessern wir die Chancen für wilde Lebewesen.

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Der Naturpark und UNESCO Global Geopark Vulkaneifel

2025, Dauer: 02:17 min 

© n|ovum Filmproduktion, Julian Engels und Robby Krings im Auftrag des Natur- und Geoparks Vulkaneifel 

Gefördert durch Mittel des Landes Rheinland-Pfalz durch das Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie und Mobilität Rheinland-Pfalz.